Gedankenbeobachtung

Einheit 2:  Gedankenbeobachtung

Die Gedanken der Menschen formen und bestimmen unsere reale Welt. Alle Dinge die wir haben und benützen, sowie deren Begrifflichkeiten, also Worte welche die Dinge benennen, sind vorab in den Gedanken erstanden. Durch den Gebrauch der Namen die wir den Dingen zugeordnet haben, entsteht in jedem Menschen aber eine individuelle Welt. Dieses Weltbild formt sich zum größten Teil in der Phase des Aufwachsens durch die Erfahrungen mit der Umwelt. Diese Erfahrungen sind aber von vielen komplexen Faktoren beeinflusst, welche von außen unsere innere Welt konditionieren. Dieser Umstand erzeugt wiederum eine vorgefertigte Sicht auf alles und jedes mit dem der Mensch in Kontakt, Verbindung, Konfrontation, letztendlich in Beziehung tritt. Aus dieser vorgefertigten Sichtweise entwickelt sich in weiterer Folge jene Vorstellung, welche unsere täglichen Handlungen steuert. Das heißt, wir befinden uns in einem Gedankenrad, das jetzt natürlich von den Ergebnissen jener unserer Handlungen, die durch unsere unfreie konditionierte Vorstellung gesetzt werden, stetig und automatisch angetrieben wird. Eine Befreiung aus diesem selbst laufenden Kreisel mithilfe unseres bedungenen, unfreien Bewusstseinsstromes kann nicht gelingen, weil er selbst von dieser dadurch entstehenden Energie genährt wird. Dieses Chaos der getriebenen Gedanken, läuft nicht nur im Wachzustand, sondern auch im Schlaf , in unseren Träumen ab, es verbraucht dabei einen Grossteil der zur Verfügung stehenden Energie. Jede willentliche Aktion, aus diesem chaotischen Kreislauf auszubrechen, führt letztlich zu noch mehr Anstrengung und Verschlimmerung, weil wir immer wieder nur mit dem selben Ergebnis, auf unser geprägtes Gedankengut, auf unsere vorgefertigte innere Welt zurückgreifen können.

Die einzige Möglichkeit sich zu befreien, sieht nun der Yoga in der schlichten Beobachtung unserer Gedanken. Sie laufen im Hintergrund, total unbewusst, nur durch unsere Identifikation damit, und derer Beachtung steuern sie unser Leben. Wir sind aber nicht unsere Gedanken, wir können sie beobachten. Die Gedanken tauchen auf,wie Wolken am Horizont, wenn wir sie beachten und kontrollieren, erhalten sie Nahrung und werden mächtig. Wenn wir sie aber nur ohne Anhaftung, lediglich rein wertefrei beobachten, ziehen sie weiter und lösen sich wieder komplett auf.

Alleine dieser Umstand beschert uns schon durch die nicht verbrauchte Energie für störende Gedanken, einen ordentlichen Energieschub. Der Kopf ist jedoch listig und konditioniert, bei allem was wir sehen findet er sofort reflektorisch einen Anhaftungspunkt. Beispielsweise sehen wir einen Vogel, der friedlich seine Kreise zieht. Ach das ist vermutlich eine Krähe, passt das zur Jahreszeit, oder vielleicht doch ein Raubvogel oder, oder……, ein blühender Marillenbaum, na hoffentlich friert es nicht mehr sonst, sonst …… Es gibt tausende Möglichkeiten für den Kopf, um jetzt mit unnötigen Sachen, welche wir beim laufen nicht brauchen, wieder aktiv zu werden und unnötig Energie zu verschlingen.

Sehr hilfreich ist es nun, die Welt mit den Augen eines Kindes zu erfassen. Wir benennen nichts, sondern erfreuen uns, und staunen über vielfältige Schönheit der Welt. Wir öffnen unseren Blickwinkel, und lassen die Eindrücke des gesamten Umfeldes auf uns wirken. Ohne vorgefasste Meinung, ohne Beurteilung, jeder Moment ist Neu, eine neue Weltsicht kann entstehen. Da wir die Gedanken loslassen, nicht verfolgen, unseren Körper beobachten, entsteht ein bewusstes Erleben des Laufes und wir spüren ein verschmelzen, eine Ausrichtung von Geist und Körper in eine Richtung. Die Gedanken beginnen sich zu ordnen, sie werden zunehmend friedlich, eine Brücke zum Körper öffnet sich und stellen durch einen inneren Friedenszustand den Einklang zwischen Geist und Körper her. Geist und Körper erschöpfen sich nicht mehr durch gegenseitige Kontrolle, sie können sich gemeinsam in harmonischer Resonanz entspannen.

Die Herausforderung stellen zu Beginn die vielen neuen Eindrücke der Selbstbeobachtung. Der Kopf ist daran nicht gewöhnt, in seinem konditionierten Bewusstsein keimt nun der Verdacht auf, eigentlich werde ich nicht mehr gebraucht. Das kann aber nach seinem bisherigen Verständnis nicht funktionieren, darum interpretiert er in jede unserer Beobachtungen sofort eine Überlegung in Form einer Frage, Antwort, Neigung, Abneigung, Wohlsein, Unwohlsein, ja er erfindet unzählige Möglichkeiten um uns aufzufordern, in unseren Erfahrungen zu kramen, und zu beurteilen. Schon sind wir wieder im Gedankenrad gefangen. Das ist völlig normal! Wir besinnen uns wieder auf das reine Beobachten, lassen die Wolken ziehen und spüren wieder unseren Bewegungsablauf des Körpers. Mit fortschreitender Übung wird der Widerstand, die Rebellion des Kopfes schwächer, da wir ihm mit unsrer Methodik die Nahrung entziehen. Wenn wir einmal dieses Spiel des Kopfes durchschaut haben, hat er keine Macht mehr über uns. Wir haben den Spieß, umgedreht, wir sind nun in der Lage den Kopf zu verwenden wenn wir ihn brauchen, und uns nicht ständig von ihm tyrannisieren zulassen. Mit den Worten von Meister Eckhart, eine führende Persönlichkeit des Dominikanerordens in Deutschland (1260-1327), ausgedrückt, man solle nicht vergessen,was man weiß, sondern dass man weiß. Eckhart unterscheidet auch sehr wohl, zwischen aufflammenden Gedanken und dem Denkprozess als solchen. Wichtig ist für uns, den freien bewussten Denkvorgang dann zu starten, wenn wir ihn gerade brauchen. In diesem Fall haben wir dann auch die volle kreative Energie zur Verfügung, weil sie nicht unnötig im Chaos des stetigen Gedankenrades gefangen ist.

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